Wegmarke 3 –
Die Entscheidung
Ich ziehe die neuen Schuhe an
Ich habe sie lange im Rucksack mitgeschleppt,
ohne sie anzuziehen.
Sie waren da.
Bereit.
Doch ich war es nicht.
Jetzt — jetzt muss ich sie wohl anziehen.
Es fällt mir schwer.
Sie sind enger, als ich erwartet hatte.
Ungewohnt.
Meine Füße sind noch wund vom Weg durch den Schlamm.
Blasen brennen bei jeder Bewegung.
Der erste Schritt ist vorsichtig.
Ich spüre jeden Stein unter mir.
Ich kann mich nicht mehr verstecken.
Es wäre leichter, in den alten Schuhen zu bleiben.
Im Vertrauten.
Im Schutz.
Doch ich sehe sie jetzt klar vor mir.
Die Gummistiefel sind feucht.
Der Schlamm hat sich in ihnen festgesetzt.
Sie riechen nach Moder.
Sie haben mich getragen,
als der Boden unsicher und schlammig war.
Aber sie gehören nicht mehr hierher.
Wenn ich sie weitertrage,
werden sie mich nur aufhalten.
Ich muss sie zurücklassen.
Nicht aus Undankbarkeit.
Sondern weil mein Weg weiterführt.
Ich beuge mich hinunter.
Meine Hände halten die Gummistiefel noch einen Moment fest.
Dann lösen sie sich.
Ich richte mich wieder auf.
Der Boden ist fest genug.
Ich gehe weiter.
Denn ich weiß:
Diese neuen Schuhe gehören zu meinem Weg.
Nicht, weil sie bequem sind.
Sondern weil sie für mich bestimmt sind.
Ich gehe weiter.
Langsam.
Unsicher.
Aber aufrecht.
Und irgendwo tief in mir wächst eine leise Gewissheit:
Meine Füße werden sich an diesen Weg gewöhnen.
Gebet
Mein Gott,
ich habe losgelassen,
was mich bisher getragen hat.
Ich stehe jetzt anders da.
Verletzlicher.
Unsicher.
Du hast mich gerufen.
Ich bin Dir gefolgt.
Doch jetzt frage ich Dich:
Wo bist Du?
Bist Du noch bei mir?
Gehst Du noch mit mir?
Ich höre Dich nicht.
Aber ich hoffe,
dass Du da bist.
Siegelwort:
Manchmal beginnt die Antwort dort, wo wir wagen zu fragen.
Schriftwort:
„Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden.“
(Matthäus 7,7)

